Zeugnisse

„Ich vergleiche nie ein Kind mit einem anderen, sondern immer nur mit ihm selbst."
( Pestalozzi 1790 )

 

Das Thema „Zeugnisse" ist ein Dauerbrenner, das sehr kontrovers diskutiert wird. Sollen sie Ziffernnoten enthalten oder nicht? Sind Berichtszeugnisse aussagekräftiger oder brauchen sie einen Dolmetscher? Sind Zeugnisse überhaupt notwendig?

 

Zeugnisse wurden erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Schule etabliert. Rechtlich stellen sie urkundliche Leistungsbeurteilungen dar, die in Deutschland Teil des Schulrechts sind und in den Kompetenzbereich der Bundesländer fallen.

 

In Nordrhein-Westfalen werden die Leistungen der SchülerInnen mit Ziffernnoten (ab Klasse 2) oder Verbalbeurteilungen (Klasse 1 bis 3) bewertet.

 

Die Noten haben folgende Funktionen:

- Sie informieren über den erreichten Lernstand und dienen als Grundlage

  für die weitere Unterrichtsgestaltung.
- Sie prognostizieren den vermutlichen Lernfortschritt und beinhalten

   eine Erwartung zukünftiger Leistung.
- Sie bewirken Anstrengungsbereitschaft und realistische

   Selbsteinschätzung.
- In ihrer Kontrollfunktion gelten sie als Indiz für erfolgreiches Lernen,

  bzw. als Nachweis für Anforderung.
- Sie führen in die Leistungsorientierung unserer Gesellschaft ein.
- Letztendlich gewähren oder verwehren sie die Berechtigung für sozialen

  Aufstieg.

 

Konsens besteht in allen gesellschaftlichen Schichten darüber, dass es eine Form der Rückmeldung über Leistung geben muss. Umstritten ist die Bewertung durch Ziffernnoten. Sie gipfelt in den Argumenten derer, die Ziffernnoten konsequent abschaffen wollen:

 

- Ziffernnoten sind weder objektiv, noch zuverlässig oder allgemein

  gültig. Sie dienen ausschließlich der Selektion. Urteile von verschiedenen

   Lehrern zu einer Schülerleistung variieren stark. Über die Klasse hinaus

   ist eine Vergleichbarkeit nicht möglich. Auch haben Untersuchungen

   ergeben, dass Noten keine gültige Prognose über den weiteren

   Bildungsweg leisten können.
- Aus der pädagogischen Psychologie ist bekannt, dass Misserfolge die

  Entwicklung von Selbstwertgefühl und Lernfreude nachhaltig behindern

  und Angst vor schlechten Noten Schulunlust, Resignation und

  Aggression zur Folge haben.
- Hierarchien, wie sie im konkurrenzorientierten System entstehen, sind

  für die in der heutigen Wirtschaft geforderten Schlüsselqualifikationen

  wie Kreativität, Teamfähigkeit und Kooperationsbereitschaft eher

  hinderlich.
- Leistungen wie Kreativität, manuelle Fertigkeit,

  Problemlösungskapazität, Sozialkompetenz oder Kontaktfähigkeit sind

  kaum mit Noten zu beurteilen.
- Wenn nur messbare Leistung belohnt wird, lernen die SchülerInnen

   nicht mehr aus Interesse an der Sache selbst, sondern nur noch für

  die Noten.

 

Verbalbeurteilungen ermöglichen ein größeres Maß an Individualisierung und einen erhöhten Informationsgehalt, sind aber abhängig von der fachlichen, diagnostischen und sprachlichen Fähigkeit der Lehrkraft. Wenn sie aus standardisierten Textbausteinen abgefasst sind oder Fachchinesisch enthalten, das für die Betroffenen erst interpretiert werden muss, sind sie kritisch zu betrachten. Auch besteht die Gefahr von Uneindeutigkeit. Vorteilhaft ist, dass nicht allein Ergebnisse, sondern vor allem Entwicklungsprozesse dokumentiert sowie Lerndiagnose und Lernberatung geboten werden können. Allerdings ist der Aufwand, mit dem Berichtszeugnisse erstellt werden, sehr hoch.

 

Kritiker des bestehenden Verfahrens wollen die Ziffernnoten auf die höheren Jahrgänge beschränken, wie es z.B. in Schweden oder Finnland mit Erfolg praktiziert wird. Auch ich würde - hätte ich die Möglichkeit dazu - , die vergleichenden Zensuren vor allem aus der Grundschule verbannen, da sie ausschließlich der Selektion dienen. Sie suggerieren Objektivität, die aber nur bedingt gegeben ist, und geben keinerlei Hinweis auf das Zustandekommen der Leistung. Ein Zeugnis sollte auch immer die Lernentwicklung implizieren. Das können Ziffernnoten nicht leisten.

 

„Das Interesse der Schüler, Eltern und Lehrer von den Noten wieder mehr und dauernd auf die Sache selbst hinzulenken ist eine Lebensfrage der Schule; nur so wird sie jenen bildenden und erziehenden Einfluss ausüben, der ihr gebührt." (Pädagogikprofessor Martinek 1906)