Warum die Finnen erfolgreicher lernen als wir

Dass die Finnen im PISA-Test mit Abstand die besten Leistungen erbringen, ist inzwischen allgemein bekannt und hat hierzulande zu etlichen Maßnahmen geführt, die die Leistungen unserer Schüler und Schülerinnen steigern sollen.

 

Verbindliche Standards, Vergleichsarbeiten und Schulrankings wurden eingeführt, die Verbesserung der Sprachkompetenz im Vorschulbereich sowie die Binnendifferenzierung vorangetrieben. Die Leistungssteigerung blieb trotzdem hinter den Erwartungen zurück.

 

Vergleicht man die Rahmenbedingungen, unter denen die guten finnischen Lernergebnisse zustande kommen, mit den unsrigen, wird das Resultat klarer.

 

Die Finnen haben in den frühen 70er-Jahren ihr damals gegliedertes Schulsystem grundlegend verändert und sich dabei am schwedischen und - man höre und staune - (ost)deutschen Bildungssystem orientiert.

 

Die Kinder werden mit sieben Jahren eingeschult und bleiben sechs Jahre gemeinsam in der Unterstufe. Der Klassenlehrer wechselt in dieser Zeit nicht und unterrichtet meist alle Fächer, außer Fremdsprachen. Danach schließt sich die dreijährige Oberstufe an, in der der enge Klassenverband aufgelöst wird und Fachlehrer den Unterricht erteilen.

 

Nach neun Jahren Peruskoulu (Grundschule) besuchen die Schüler je nach Notendurchschnitt die Lukio, auf der man nach zwei, drei oder vier Jahren das Abitur ablegen kann, oder eine Berufsschule, in der sehr praxisnah ein Beruf erlernt wird.

 

In Deutschland existiert weiterhin das mehrgliedrige Schulsystem, in das die Kinder -demnächst fünfjährig - eingeschult werden, mit seiner frühen Selektion und der zeitigen Abkehr vom Klassenlehrerprinzip.

 

Die Klassenfrequenzen in Finnland sind meist gering und liegen im Schnitt bei 19 bis 20 Schülern. Es gibt Fachkräfte, die die LehrerInnen bei ihrer Arbeit unterstützen. So gehören zum Schulpersonal eine Schulschwester, die vorbeugende Gesundheitsarbeit leistet, eine Kuratorin, die für soziale Aufgaben zuständig ist, sowie eine Psychologin, die mindestens einen Tag in der Woche in der Schule sind. Entlastung bringen auch Assistenten, die auf Stundenbasis arbeiten.

 

Speziell ausgebildete Lehrkräfte unterstützen die Kinder bei Lernproblemen. Sie geben gezielten Förderunterricht und beraten die Klassenlehrer. Etwa 16% der Schüler werden so pro Jahr unterschiedlich lang gefördert, nehmen aber voll am Schulleben teil. Es gilt der Grundsatz: „Keiner darf zurückbleiben." Private Nachhilfe außerhalb der Schule ist nicht nötig.

 

Hierzulande muss eine Lehrkraft 30 und mehr Kinder gleichzeitig unterrichten. Dabei wird erwartet, dass jedes Kind durch Binnendifferenzierung individuell gefördert wird. Außerhalb der Schule leisten wir uns auf privater Basis ein riesiges Spektrum an Fördermaßnahmen, die Unsummen verschlingen und deren Nutzen oft die Kosten nicht aufwiegen.

 

In Finnland gibt es keine Klassenarbeiten, allenfalls informelle Tests, um herauszufinden, wo Förderbedarf vorliegt. Bis zur siebten Klasse sind keine Zensuren vorgesehen, jeder Schüler wird individuell bewertet. Niemand bleibt sitzen.

 

Bei uns wird gemessen, verglichen und selektiert. Schüler mit schwachen Leistungen werden nach unten weitergereicht. Was das für Selbstwertgefühl und weitere Lernmotivation bedeutet, ist hinlänglich bekannt.

 

Der Schulbesuch im Ganztagsbetrieb ist in Finnland kostenlos, ebenso die Schulbücher, das Mittagessen und die medizinische Versorgung.

7,8 % des Bruttoinlandsproduktes wird in Bildung investiert, dadurch sind die Schulen gut ausgestattet, vor allem mit moderner Informationstechnologie.

 

Der Bildungsetat in Deutschland ist viel geringer (4,8 %). Die Ausstattung der Schulen hängt sehr vom Haushaltszustand der jeweiligen Kommune ab. Ohne die engagierten Fördervereine wäre sie oft mehr als dürftig.

 

Es gibt aber auch soziokulturelle Faktoren, die die positiven Ergebnisse der finnischen Schüler vor allem im Lesen erklären. Auf Grund der geografischen Lage und der damit verbundenen langen Winter hat sich eine besondere Lesetradition entwickelt. Auch das Fernsehen mit der Untertitelung ausländischer Filme trägt dazu bei, das Lesevermögen zu schulen.

 

Hier hat Lesen einen weitaus geringeren Stellenwert. In vielen Familien haben Fernsehen und Internet Zeitungen und Bücher verdrängt.

 

Der Ausländeranteil in Finnland ist mit knapp 2 % sehr gering und die intensive staatliche Sprachförderung verhindert, dass es Kinder gibt, die aus sprachlichen Gründen dem Unterricht nicht folgen können.

 

In Deutschland liegt der Ausländeranteil bei etwa 9 %. Es gibt Klassen, in denen Deutsch sprechende Kinder in der Minderzahl sind. Sprachförderung findet kaum statt, so dass viele Migrantenkinder auf Grund mangelnder Sprachkenntnis Klassen wiederholen müssen. Erst seit 2007 gibt es z.B. in NRW flächendeckend Sprachförderung im Elementarbereich.

 

Ich denke, es wird sehr deutlich, dass das finnische Bildungssystem vor allem durch seine Binnenstruktur äußerst effizient ist. Die Möglichkeit der individuellen Förderung und die Entlastung der Lehrer durch eine große Zahl von Fachkräften schaffen so die Grundlage für den PISA-Erfolg.